Eine kurze Einführung in die Welt der Ameisen
Artikel vom 14.2.2012
Den folgenden Text schrieb ich für die Ausstellung "Naturparcours 2003", die im Mai 2003 stattfand. Veranstaltet wurde sie vom zoologischen und den beiden botanischen Instituten der Grazer Karl-Franzens-Universität gemeinsam.
Wir teilen uns die Erde gerade mit etwa einer Trillion, also 1.000.000.000.000.000.000, lebenden Insekten. Dies besagt eine Hochrechnung des britischen Entomologen C. B. Williams. Wenigstens ein Prozent davon, also 10 Billiarden oder eine Eins gefolgt von 16 Nullen, entfallen auf Ameisen, ergänzten Bert Hölldobler und Edward O. Wilson - und weiter: Bei einem Körpergewicht von durchschnittlich einem bis fünf Tausendstel Gramm ergibt das verglichen mit der gegenwärtigen Menschheit eine nur unwesentlich geringere Gesamtmasse. Vielleicht noch beeindruckender das Ergebnis einer Hochrechnung für den brasilianischen Regenwald: dort beträgt die Trockenmasse der Ameisen das Vierfache der Trockenmasse sämtlicher in diesem Gebiet lebenden Landwirbeltiere.
Ameisen (Familie Formicidae) gehören mit den Bienen, Wespen und Hummeln zur Insektenordnung der Hautflügler (Hymenoptera). Weltweit sind gegenwärtig rund 11000 Ameisenarten beschrieben. In Mitteleuropa kommen knapp 170 Arten vor, gut 120 davon in Österreich. Die beiden wichtigsten heimischen Unterfamilien sind die mit einem Stachel bewehrten Knotenameisen (Myrmicinae) und die stachellosen Schuppenameisen (Formicinae). Zu letzteren zählen die auch in Küchen heimischen Wegameisen (Lasius), unsere größten Ameisen, die Rossameisen (Camponotus) sowie die Hügel bauenden Waldameisen der Gattung Formica.
Abgesehen von wenigen parasitischen Arten leben alle Ameisen sozial und in Weibchenstaaten. Den Großteil der Bevölkerung stellen die Arbeiterinnen: sterile, zeitlebens flügellose Weibchen, die sämtliche Arbeiten wie Nestbau, Brutpflege und Nahrungssuche erledigen. Mittelpunkt jedes Volks ist mindestens eine Königin, bei einigen Waldameisenarten können es viele Hundert pro Kolonie sein, deren einzige Aufgabe darin liegt, Eier zu legen.
Aus den befruchteten Eiern entstehen - nach mehreren Larven- und einem Puppenstadium - Arbeiterinnen und zu gewissen Zeiten auch geflügelte Jungköniginnen.
Die alten Königinnen verwahren den Samen für die Befruchtung der Eier in einem mit Drüsen versorgten Hohlraum namens Receptaculum seminis. Dieser Hohlraum wird ein einziges Mal, bei der Begattung während ihres Hochzeitsflugs, mit Spermien gefüllt, und dieser Samenvorrat reicht der Königin für den Rest ihrers langen, bei manchen Arten 20 und mehr Jahre dauernden Lebens.
Kurz dagegen ist das Leben der Männchen, die sich aus unbefruchteten Eiern entwickeln (so ergibt sich für einen Ameisenmann die recht seltsame Situation, dass er keinen leiblichen Vater hat, wohl aber einen echten Großvater). Die Lebensaufgabe des Männchens ist es nun, seine Spermien im besagten Receptaculum seminis einer Jungkönigin unterzubringen.
Synchronisiert durch spezifische Witterungsbedingungen verlassen die jungen, geflügelten Geschlechtstiere einer Region am selben Tag ihre mütterlichen Nester und begeben sich auf Hochzeitsflug. An markanten Geländepunkten treffen sie sich und es erfolgt die Begattung.
Damit ist die Aufgabe des Männchens auch schon erfüllt und es wird bald sterben. Für die begattete Königin beginnt jetzt der schwierigste Teil ihres Lebens: die Gründung einer Kolonie.
Bei vielen Arten sucht oder gräbt sich die junge Königin, nachdem sie ihre mittlerweile nutzlosen Flügel abgeworfen hat, einen Nistplatz, die Nestgründungskammer. Sie legt Eier hinein und zieht ihre ersten Arbeiterinnen selbst auf. Sind die meist besonders kleinwüchsigen Erstlingsarbeiterinnen herangewachsen, übernehmen sie alle Arbeiten und die Königin beschränkt sich auf ihre wahre Aufgabe - die Produktion von Eiern.
Zu einer solchen unabhängigen Koloniegründung sind die meisten Waldameisen nicht in der Lage. Ihre Jungköniginnen bedürfen der "Mithilfe" anderer Ameisenarten oder sie lassen sich von einem Volk der eigenen Art adoptieren.
Bei einer Form der abhängigen Gründung einer Kolonie bedient sich die junge Königin einer anderen, meist nahe verwandten Ameisenart. Die junge Königin wirft die Flügel ab, dringt in das fremde Nest ein (bei manchen Arten zerkaut sie zuvor noch ein paar Arbeiterinnen um den Koloniegeruch anzunehmen), beseitigt die Wirtskönigin und beginnt mit der Eiablage. Die Wirtsarbeiterinnen ziehen nun unbeirrt die Nachkommen der fremden Königin auf. Im Laufe der Zeit wird die ganze Arbeiterschaft durch die jungen Arbeiterinnen der neuen Art ersetzt (temporärer Sozialparasitismus).
Die bevorzugte Strategie unter Waldameisen-Jungköniginnen ist jedoch die Adoption. Wenn die umherstreifende Jungkönigin auf eine Arbeiterin der eigenen Art trifft, wird sie von dieser "beschnuppert", ins Nest getragen und dem Königinnenbestand einverleibt. Wird ein Volk einmal zu individuenreich, wandert ein Teil der Arbeiterinnen mit einem Teil der Brut und einigen Königinnen ab und baut in er Nähe ein Tochternest.
Die ökologische Bedeutung der Ameisen
Als Räuber sind sie die Hauptfeinde der Insekten und Spinnen: während Massenvermehrungen von Schädlingen trägt ein großes Volk der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena) pro Tag bis zu 100.000 Beutetiere in ihr Nest ein.
Ameisen sind Tierkadaververwerter: 90% aller toten Tiere in ihrer Größenordnung landen als Futter in Ameisennestern.
Ameisen sind Viehzüchter: viele Arten wie unsere heimischen Wald-, Weg- und Knotenameisen pflegen und schützen Pflanzensaft saugende Tiere, etwa Blatt-, Rinden- und Wurzelläuse, um sich an deren zuckerhaltigen Ausscheidungen, dem "Honigtau", zu laben.
Ameisen verbreiten Pflanzen: Schöllkraut, Waldveilchen, Lerchensporn und weitere 150 heimische Pflanzenarten werden von Waldameisen verfrachtet. Die Arbeiterinnen schleppen die Samen zum Nest, sie interessieren sich jedoch nicht für die Samen sondern für deren nahrhafte Anhängsel, die Elaiosome. Haben sie das Elaiosom abgebissen, lassen sie den Samen liegen und er kann austreiben. (Die in Mitteleuropa nur mit der Art Messor structor vertretenen Ernteameisen hingegen sind richtige Körnersammler und nutzen die Samen selbst.)
Sie graben den Boden um: allein Regenwürmer bewegen mehr Erdreich als Ameisen. So befördert die Gelbe Wegameise (Lasius flavus) in einer durchschnittlich dicht besiedelten Wiese pro Jahr und Hektar 1 bis 2 Tonnen Erde an die Oberfläche.
Sie sind Pilzzüchter: Die mittel- und südamerikanischen Blattschneiderameisen (Gattungen Atta und Attamyrmex) sind bekannt für ihre Pilzzuchten, die sie mit frisch geschnittenen Blättern ernähren. Doch auch hierzulande gibt es Ameisen, die Pilze kultivieren, wie die Glänzendschwarze Holzameise (Lasius fuliginosus), deren kunstvolle Kartonnester vom Pilz Cladosporium myrmecophilum durchwachsen sind.
Außerdem beherbergen Ameisen eine Vielzahl von Untermietern, sogenannte Ameisengäste oder Myrmecophile, die den Reichtum und die Stabilität innerhalb eines Nests zu nutzen wissen.
Und nicht zuletzt sind Ameisen wichtige Zutaten auf den Speiseplänen unzähliger Tiere: für viele sind sie kleine Leckerbissen, für einige bilden Ameisen die Nahrungsgrundlage, etwa für Ameisenlöwen, einige spezialisierte Spinnen und Raubwanzen bis hin zu den Grünspechten.
Literatur
- Cruse, H., Dean, J., Ritter, H., 1998, Die Entdeckung der Intelligenz oder Können Ameisen denken? Verlag C. H. Beck, München (Taschenbuch: 2001, Deutscher Taschenbuch Verlag, München)
- Hölldobler, B., Wilson, E. O., 1995, Ameisen - Die Entdeckung einer faszinierenden Welt. Birkhäuser Verlag, Basel (Taschenbuch: 2001, Piper Verlag, München)
- Kirchner, W., 2001, Die Ameisen: Biologie und Verhalten. Verlag C. H. Beck, München
- Seifert, B., 1996, Ameisen: beobachten, bestimmen. Naturbuch-Verlag, Augsburg